Wenn die Location oder Situation nicht gut aussieht, müssen Fotografen trotzdem das Bestmögliche herausholen. Dabei ist natürlich auch entscheidend, welchen Anspruch man an sich und sein Ergebnis hat. Mache ich mir die Mühe, jetzt noch drei weitere Blitze aufzubauen, oder ist es mir zu viel Aufwand und der Kunde merkt den Unterschied ja meistens eh’ nicht?
Für mich steht fest: Wenn ich irgendwann mal Letzteres denke, werde ich meinen Beruf wechseln, denn das hat weder der Kunde verdient, der eine gute Leistung erwartet und ja auch bezahlt, noch würde ich damit meinem eigenen Anspruch gerecht werden. Und letztlich macht es ja auch wahnsinnig Spaß, herausgefordert zu werden – so wie gestern Abend, als ich gebucht war, um für einen Stammkunden Fotos von einer Preisübergabe für den besten Subunternehmer und dessen Fahrer für das eigene Firmenmagazin aufzunehmen.
Zunächst hatte man angedacht, die Fotos im Freien vor dem Firmenschild des Subunternehmers aufzunehmen. Allerdings war der Termin für 18 Uhr angesetzt, was in dieser Jahreszeit völlige Dunkelheit bedeutete (der Profi sorgt sich ums Equipment, der Meister ums Licht ;-)). Der Wetterbericht sagte zu allem Übel auch noch Regen voraus, weshalb ich vorschlug, die Übergabe in einem leeren Teil der großen Lagerhalle meines Auftraggebers zu fotografieren.
Zum Glück legt man dort Wert auf meine Erfahrung und Meinung. Und das ist immer sehr schön wenn man nicht etwas machen muss obwohl man weiß, dass Grütze dabei herauskommen wird und trotzdem noch versucht, das irgendwie zu retten…
Anyway – selbst das Foto in der Lagerhalle artete für mich noch in einer kleinen Materialschlacht mit drei SB-800 und dem Ranger Quadra aus. Nur in trocken :-)


Eines der Ergebnisse: Drei SB-800 und der Elinchrom Quadra mit großer Octabox sorgen hier für Tiefe im Bild
Ich versuche ja immer, mich gewissenhaft auf meine Aufträge vorzubereiten und pünktlich zu sein – um mir die Location angucken zu können, genug Zeit für den Aufbau zu haben und noch in bestimmte Vorbereitungen eingreifen zu können. So verabredete ich, dass ich schon um 17.15 Uhr da sein würde…
Den ganzen Tag über schon hatte ich, genau wie die meiste Zeit am Wochenende, dringende Bilder bearbeitet und deshalb den Ablauf schon sehr eng und exakt geplant.
Allerdings macht einem das Leben manchmal einen Strich durch die Rechnung. Was man sonst nur im Film sieht, passierte mir nämlich gestern: Beim Duschen, um mich noch schnell für den Termin frisch zu machen, fiel plötzlich die Gastherme aus und ich stand unter einem eiskalten Wasserstrahl. Schockgefrostet und nur dürftig mit einem Handtuch umwickelt versuchte ich also, die Therme (in Hannover gibt es extrem viele Etagenheizungen in den Wohnungen statt Zentralheizungen) wieder in Gang zu bringen, befolgte frierend die Anleitung für Störungen und musste nach 20 Minuten einsehen, dass ich immer noch wie der Ochs’ vorm Berge stand – während mir die Zeit davonlief. Mein einziges Glück war, dass ich mich noch nicht eingeseift hatte…
Nun hat die Wissenschaft zwar das Deo erfunden – trotz allem fühlte ich mich nicht so richtig wohl und musste auch noch die Zeit wieder (r)einholen. Hier sieht man dann auch den Vorteil, wenn man sich großzügig Vorlaufzeit einplant – so bleibt selbst bei solchen Missgeschicken immer noch genug Reserve.


Die Halle - ein großes schwarzes Loch... - ich habe das Shooting bewusst in den Teil ohne Leuchtstoffröhren-Beleuchtung gelegt und mir das Licht mit Tageslichtblitz selbst formen zu können und kein Mischlicht zu haben bzw. Folien vor dem Quadra benutzen zu müssen
Auf dem Foto sollten fünf Leute, drei große Präsentkörbe aus nicht sehr stabiler Pappe, drei Fußbälle und drei aus jeweils drei Einzelteilen bestehende Awards untergebracht werden. Der Name meines Auftraggebers und der Name des Subunternehmers sollten möglichst auch noch zu lesen sein.
Für die Gegenstände war bereits ein Tisch bereitgestellt worden, wie man im Bild oben links erkennen kann. In mir hat das allerdings ein Unbehagen ausgelöst, das ich eigentlich nicht sachlich erklären kann. Es war mehr das Gefühl oder die Erfahrung, dass das einfach nicht gut aussehen wird und da noch mehr geht.
Und die Leute einfach vor eine Wand stellen und mit einem Blitz raufzimmern, wie es gerne bei Jahreshauptversammlungen von es-nicht-besser-wissenden Lokaljournalisten gemacht wird (“ja, nehmen sie mal bitte alle ihre Urkunden in die Hand und stellen sie sich vor die Holzwand, die sieht ja so schön aus” *würg*) wollte ich definitiv nicht.
Außerdem hat das auch was mit Auftragssicherung zu tun: Warum sollte mich der Kunde das nächste Mal buchen, wenn ich ein Foto mache, das er selbst auch mit einer Point-and-shoot-Kamera mit internem Blitz hätte bewerkstelligen können?


Elinchrom Quadra Batterie-Pack (max. 400Ws) mit Elinchrom Octabox (Ø 135cm) auf Manfrotto C-Stand
Aber zurück zu meinem Setup in der Halle. In solchen Momenten schalte ich irgendwie alles um mich herum ab und spiele im Kopf fieberhaft die verrücktesten Sachen durch. Und dabei fiel mein Blick auf eine Ameise, die dort, mit Europaletten aus Holz beladen, in der Dunkelheit stand.
Hmm, moment mal… Paletten = Transportgewerbe = Award für Transporteur einer Logistikfirma = passt doch
Und einen weiteren Vorteil hatte die Ameise auch – die Paletten konnten mit wenigen Handgriffen hydraulisch angehoben oder gesenkt werden, während der Tisch starr und somit deutlich zu niedrig für stehende Erwachsene war.
Rein ästhetisch hatte der Palettenstapel auch noch einen positiven Effekt auf die Tiefe des Bildes. Ich ließ mir von einem sehr hilfsbereiten Mitarbeiter die Ameise leicht schräg positionieren und erreichte so, dass die Protagonisten sich um die Paletten verteilen, sich etwas geschützter fühlen, auch ihre Füße abstützen können und nicht alle in einer Reihe starr vor mir stehen müssen würden. Und wir hatten das Problem gelöst, wo wir mit dem ganzen Kram hinsollten, denn ein Festhalten war einfach nicht unverkrampft möglich. Anschließend stellte der Subunternehmer seinen Transporter nach meinen Anweisungen ein paar Meter hinter dem Palettenstapel auf – wir näherten uns damit schon mal einem vernünftigen Bildaufbau mit einer gewissen Tiefe. Flugs noch drei Paletten abgenommen und schon sah es so aus:


Auf diesem Bild ist nur der Quadra mit der großen Octabox (135cm Ø) aufgebaut. Lichttechnisch noch ziemlich mau, oder?
Allerdings soff das Bild völlig im Dunkeln ab. Das hat einfach etwas mit Physik zu tun: Das Licht nimmt quadratisch ab. Das bedeutet, dass das, was vorne vom Licht getroffen wird, richtig belichtet ist und der Hintergrund nicht; oder der Hintergrund ist richtig, dafür dann der Vordergrund zu hell angestrahlt. Beides geht nicht zusammen mit nur einer Lichtquelle.
Und in so einer Situation müssen wir dann entscheiden, ob uns als Fotografen das reicht oder doch nicht…
Was also tun? Betrachtet man ein Bild mit Vordergrund, Mitte und Hintergrund, hatte ich jetzt schon den Vordergrund als Hauptmotiv. Das Auto würde Mittelgrund sein, war aber noch zu dunkel – und einen Hintergrund gab es noch gar nicht.
Und deshalb kamen noch drei SB-800 der Reihe nach ins Spiel…


SB-800 rechts mit Tageslichtblitz
Der SB-800 auf dem Stativ beleuchtete nun den Wagen. Ich wollte aber eine noch bessere Trennung von meinem weißen Hauptlicht im Vordergrund, so dass ich den Blitz mit einer orangen Folie versah, die aus dem Tageslichtblitz einen Kunstlichtblitz machte (“Lee 204″ oder auch “Full CTO”).


SB-800 rechts mit Kunstlichtblitz (vorne im Bild), links der Quadra mit Octabox
Nächster Schritt: der Hintergrund hinter dem Auto. Hier platzierte ich einen SB-800 mit einer Full CTO-Folie nahe der Wand, leicht gezoomt und in einem Winkel von ungefähr 45 Grad auf die Wand zeigend. Das funktionierte natürlich nur, weil die Wand aus hellen Kalksandsteinen bestand. Eine dunkle Wand hätte sehr viel Licht geschluckt…


SB-800 mit Kunstlichtfolie gegen die Wand geblitzt
Okay, here we go.


Da man die Schrift auf dem Auto noch sehen können sollte bat ich darum, den Wagen noch ein bisschen schräger zu stellen. Beim Blick durchs Objektiv sah ich dann, dass der Lichtkegel an der Wand zu weit links war und stellte den Blitz etwas weiter nach rechts. Das sah dann so aus:


Okay, nun war es schon hell, aber rechts im Hintergrund war es noch zu dunkel. Also dritten SB-800, wieder mit Folie, auf die Wand rechts ausgerichtet (sieht man im folgenden Bild). Nachdem nun alle Bildbereiche ausgeleuchtet waren, konnten wir uns an das Aufstellen der Protagonisten machen.
Den großen Aufsteller mit dem Namen habe ichvorher noch weggestellt. Auf den Fußbällen war drei mal groß der Firmenname zu lesen nachdem wir sie in die Kamera gedreht hatten – das reichte einfach…
Die drei SB-800 hatte ich dabei auf “Fotozelle” gestellt (im Menü “SU-4″ genannt) und manuell eingestellt. So lösten sie jedes Mal aus, wenn der Quadra blitzte. Der wurde ausgelöst durch den integrierten Skyport-Empfänger im Gerät.
Das praktische an dieser Lösung ist, dass ich durch den Sender auf meiner Kamera den Quadra als hauptlicht regeln und auslösen kann. So muss ich nicht immer zum Gerät laufen um eine Änderung vorzunehmen, sondern drücke einfach + oder – auf dem Sender. Das wirkt für die Leute vor der Kamera wesentlich professioneller und verbreitet auch weniger Hektik.
Generell ist es immer von Vorteil, seine Blitze manuell einzustellen, wenn man ein statisches Setup hat und die Entfernung zwischen Blitzen und Leuten immer gleich bleibt. Ich stehe nicht so auf TTL (wie z.B. Joe McNally), auch wenn Nikons CLS-System wirklich gut ist! Aber wenn sich der Fotograf nur ein wenig bewegt, kann die Belichtungsmessung schon wieder ganz anders aussehen als im Bild vorher und bestimmte Effekte möchte man ja auch gezielt erreichen…
Das manuelle Setup bietet mir halt die Möglichkeit, mich im Setup frei zu bewegen und auch mal andere Positionen einzunehmen, da das Licht ja immer gleich fällt.
Und dies ist also eines der Ergebnisse gewesen. Aufbauzeit: ca. 20 Minuten


Als Vergleich nochmal ein Foto ohne die drei SB-800, aufgenommen während des Abbaus:


Ist es nicht erstaunlich, mit welchen einfachen Mitteln man ein Bild verbessern kann? :-)
Im Anschluss konnte ich die aufgebauten Blitze übrigens noch benutzen, um ein paar Fotos von unserer Dame aufzunehmen. Die Firma hatte vor einiger Zeit eine ganze Kollektion von Bekleidung für einen einheitlichen Look ihrer Fahrer und Angestellten kreiert und sie war federführend für die Organisation des Projekts. Da ich schon einige Mitarbeiter in einem kleinen Shooting mit der Kleidung fotografiert hatte, brauchte ich nun noch sie – und die Halle mit ihren alten Stahlstützen bot sich dafür geradezu an. Hier habe ich auch schon tausend Ideen für ein weiteres Shooting mit einer tollen Artistin/Schauspielerin/Tänzerin (wenn es wieder etwas wärmer ist). Und vielleicht lässt sich da ja auch ein Workshop für Blitzfotografie realisieren?!?
Das Setup für die Modefotos war recht simpel: Quadra als Hauptlicht (einfach samt Softbox rüber getragen), ein SB-800 für die Wand dahinter, ein SB-800 als Rimlight.






Das letzte Bild dieser Reihe ist eigentlich ein Fehlschuss, weil einer der SB-800 nicht gezündet hat (praktisch gegen den Quadra fotografiert, daher das Haarlicht) – trotzdem hat es in s/w seinen Reiz, meine ich:


Hier ist ein um drei Blenden stark in Lightroom aufgehelltes Bild. So hell war es trotz 1/15sek und ISO 1000 nicht in der Halle. Vorne der Quadra mit Octabox, dahinter die beiden SB-800.




Das war’s jetzt aber, genug von mir für heute. Danke, wenn ihr bis hierhin durchgehalten habt – es war ja doch extrem viel Text :-)
Fragen schreibt bitte direkt in den Kommentar, ich versuche dann, sie zu beantworten. Bis bald!
Fotografieren macht mich einfach glücklich! Ob es Bilder von quietschvergnügten Kindern mit leuchtenden Augen, stylische Lifestyle-Portraits oder Fotos von sich liebenden Paaren sind - ich würde nichts lieber tun!






Kommentare zum Artikel von Stefan Simonsen
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Hallo Stefan!
Super Beitrag: Damit hast du einen für mich sehr interessanten fotografischen Bereich getroffen. Ich steh auch öfter vor der Aufgabe nicht nur ein einziges Model abzulichten, sondern einen möglichst sauberen Group-Shot mit mehreren Personen hinzubekommen.
Ich hoffe, dass du noch weitere Blog-Posts dieser Art mit deiner Leserschaft teilst. Also für mich … sehr interessant!!
Schöne Grüße aus Tirol
Markus
Hallo Mark,
danke für dein Feedback! Das freut mich, wenn es dir Anregungen geben konnte. Wenn du Vorschläge für weitere Themen hast, einfach her damit. Einige Sachen sind vielleicht für mich schon so selbstverständlich, dass ich sie gar nicht für den Blog erwähnenswert finde, andere aber schon ;-)
Hallo Stefan,
danke den tollen Post, schön, dass du das Setup so genau beschreibst! Ich geb dem Mark vollkommen recht, das macht Lust auf mehr! :)
Ne kurze Frage hätt ich trotzdem, was hättest du gemacht wenn’s ne alte bzw. Backsteinmauer als Hintergrund gewesen?
Danke schonmal, und mach bitte weiter so! ;)
Viele Grüße
Danke dir!
Bei einer Backstein- oder anderen Mauer hätte ich dann vermutlich den Farbfilter weggelassen. Es ging ja nur darum, dass der Hintergrund sich farblich vom “weißen” Hauptlicht im Vordergrund abheben würde.
Eine Backsteinmauer wäre ja vermutlich schon leicht rot-bräunlich gewesen. Aber das ist ja das Tolle an solchen Fotos außerhalb des Studios: Dass man flexibel sein muss…
Ich hoffe, das hat dir geholfen!
Jap, danke hast du!
Ich werd’s bei Gelegenheit mal probieren ;)
Deinem Einverständnis vorrausgesetzt kommst du, mit dem Blog hier auf mein Blogroll!
Klar, gerne sogar. Wäre ja schade, wenn meine Tipps hier ungelesen blieben ;-)
Viele Grüße!